Bürgermeister zu Corona 2020


Liebe Mitbürgerinnen,
liebe Mitbürger,

ja wir müssen derzeit auf ganz viel verzichten. Wir erinnern uns wehmütig an bessere Zeiten, an Zeiten wo wir gerade im Mai so viel gemeinsam unternommen haben: Aufstellen des Maibaums, Blütenfest, Wanderungen, Waldfeste des Musikvereins und vieles mehr. Zeiten in denen sich die Kinder im Pausenhof ausgetobt haben oder im Kindergarten gemeinsam im Garten gespielt haben.

Ja es tut weh und es wird immer schwieriger Abstand zu halten oder zuhause zu bleiben. Mit wachsender Ungeduld verlieren manche auch den Blick auf die Gefahren und den Blick auf Abstandsregeln und Hygieneregeln.

Nein wir sind noch lange nicht überm Berg und ja  wir werden noch lange mit dem Coronavirus Covid-19 und den damit einhergehenden Beschränkungen leben müssen.

Wenn wir jetzt leichtsinnig werden, wenn wir meinen Abstandsregeln sind aufgehoben und Partyspass ist angesagt, dann waren alle die Mühen und Einschränkungen der vergangenen Wochen umsonst. Das kann niemand wollen – wir müssen weiter aufeinander Acht geben und wir müssen uns weiter an Abstands- und Hygieneregeln halten.

Alles nicht so schlimm – ich kenne jemand der hatte nur eine leichte Grippe und ich kenne jemand der hat gar nichts gemerkt. Ja, auch ich kenne diese Fälle. Sie werden die Vielzahl der infizierten Fälle ausmachen, aber es gibt leider auch genügend Fälle bei denen verläuft die Krankheit eben nicht wie eine normale Grippe. Vielleicht kennen sie bereits den einen oder anderen Fall, wo ein infizierter Nachbar, Verwandter oder Arbeitskollege mit ganz schlimmen und lebensbedrohlichen Symptomen zu kämpfen hatte oder immer noch kämpft. Und vielleicht kennen sie ja  auch einen Fall von einem Mitmenschen, der einsam und ohne Verabschiedung durch seine Angehörigen an diesem Virus sterben musste.

Alles nicht so schlimm – doch und nicht nur für die älteren Menschen und jene Mitbürger mit Vorerkrankungen. Im Landkreis Tuttlingen (Stand 23.04.2020) war von den infizierten Personengruppen die Altersgruppe zwischen 35 und 59 Jahren mit 44% am stärksten betroffen. Corona kennt keinen Unterschied zwischen Jung und Alt.
Zwar sind bislang überwiegend ältere Mitmenschen mit Vorerkrankungen verstorben, aber noch wissen wir nicht viel über mögliche Langzeitfolgen und gesundheitliche Beeinträchtigungen in Verbindung mit einer durchgemachten Viruserkrankung.

Derzeit findet eine Diskussion über den Wiedereinstieg in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben statt. Diese Diskussion ist wichtig und in einer freiheitlich, demokratischen Gesellschaft müssen Einschränkungen dieser Freiheit und des öffentlichen und privaten Lebens ständig neu überdacht und der jeweiligen Situation angepasst werden. Was wir aber auch erleben ist ein ganzes Heer von „Experten“ und Politikern die ihre große Chance sehen oder einfach nur einmal wieder beweisen wollen, dass es sie noch gibt. Ich denke wir sollten hier weiter auf die Verantwortlichen in Politik und Wissenschaft hören und vertrauen. Wir sollten jetzt den Weg zurück in den „normalen“ Alltag auch gemeinsam und mit großer Verantwortung gehen.

In dieser Woche treten weitere Lockerungen so z.B. bei den Gottesdiensten sowie der Öffnung der Kinderspielplätze in Kraft. Weiter geschlossen sind Bolz- und Skaterplatz.

„Normaler“ Alltag wird es für lange Zeit nicht geben. Wer glaubt morgen ist der ganze Spuk vorbei, den muss man enttäuschen. Wir werden auf lange, vielleicht ganz lange Zeit mit den Folgen von Corona leben müssen.  Was dies für die Wirtschaft, für unser Freizeitverhalten, für Schulen und Kindergärten, schlichtweg für unser Privatleben und unsere Gesellschaft bedeuten wird weiß niemand- fest steht nur, es wird nicht mehr so sein wie es einmal war.

Krisenzeiten sind immer auch Zeiten von Wahrsagern, Besserwissern, Populisten und Panikmachern – das war schon immer so und das ist auch heute so. Im Gegensatz zu früher verbreiten sich Gerüchte und Falschmeldungen, Anschuldigungen und Angriffe heute durch die digitalen Medien anonym und schnell. Ungefiltert und ungeprüft, sowie unter Verzicht auf jedes logische Hinterfragen, werden solche Nachrichten von vielen geradezu aufgesogen. „Wenigstens etwas Greifbares, wenn man den Virus schon nicht greifen kann“.
Waren es im Mittelalter die Hexen, die für Mißernte und alles Unheil verantwortlich gemacht wurden, oder die Juden, welche angeblich die Brunnen vergiften haben um die Pest zu verbreiten, so müssen heute andere Verschwörungstheorien herhalten. Das Muster ist immer das gleiche. Es kann einfach nicht sein, dass hinter so einem Unheil niemand steckt. Vielleicht akzeptieren wir wieder, dass der Mensch nur ein Teil dieser Erde ist und eben nicht alles im Griff hat, schon gar nicht, wenn er sich immer weniger um das Wohl dieser Erde kümmert.

Viele Mitmenschen haben die Zeit der „Quarantäne“  für sich und für ihre Familie genutzt. Noch nie sah man so viele Eltern mit ihren Kindern gemeinsam spazieren gehen. Gartenarbeit und immer wieder aufgeschobenen Renovierungen wurden erledigt. Endlich einmal Zeit für ein Buch, für die Liege im Garten oder ein gemeinsames Spiel in der Familie. Vielleicht wird das auch ein Umdenken der Prioritäten in unserem Leben bewirken.

Auf der anderen Seite sind Homeoffice und gleichzeitige Kinderbetreuung ungewohnte Herausforderungen die belasten. Auch der Umgang mit der Einsamkeit ist für viele eine nicht einfache Situation. Auch diese Erfahrungen werden uns weiter begleiten.

Die vor uns liegende Zeit wird schwer und trotz Rettungsschirmen und großer Solidarität wird es Verlierer geben. Ich weiß, dass viele Mitbürger Ängste um ihren Arbeitsplatz, um ihre Firma, wegen der Finanzierung ihres Hauses, kurzum um ihre Zukunft haben. Glauben sie mir, auch ich mache mir Sorgen um die Zukunft, um die Finanzen unserer Gemeinde, um das Wohl unserer Bürger und um die Existenz unserer Firmen und den Erhalt unserer Arbeits- und Ausbildungsplätze.

Angst ist kein guter Ratgeber. Auch wenn es vielleicht banal und einfach klingt – jede Krise ist auch eine Chance. Nutzen wir diese Chance. Dazu gehört aber auch, dass wir jetzt nicht nachlassen in unseren Bemühungen um den Schutz und die Gesundheit jedes einzelnen Mitbürgers.

Ich bitte sie daher dringend auch weiterhin ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, Abstand zu halten, wo geboten Schutzmasken zu tragen und die einschlägigen Hygienemaßnahmen einzuhalten.

Danke!

Rudolf Wuhrer
Bürgermeister